Sebastian Betz

Eine Kirche, eine Kapelle, das sind Gebäude, bei denen der Raum im Vordergrund stehen darf. Primär geht es nicht um Zweckmäßigkeit und Notwendigkeiten sondern um eine Raumwirkung, die einerseits verbinden soll, andererseits den Blick auf etwas lenken soll, das im Alltag oft überlagert wird, das über den Alltag und seine Begrenzungen hinaus reicht.

So gesehen ist eine Kirche ein freier Raum, ein „Frei-Raum“.

Für mich ist das Bildhauen mein persönlicher „Frei-Raum“.

Holz ist mein Material: und wenn man nur allein auf die christliche Bedeutung von Baum und Holz schaut, dann ist das ganze Lebensspektrum abgebildet: vom Baum des Lebens im Paradies bis hin zum Holz des Leidens, dem Holzkreuz; der Spannung der Welt in der Verankerung von Vertikale und Horizontale. (Gerade in diesen Tagen der Hitze und der Trockenheit wird uns durch die durstenden und vertrocknenden Bäume wieder die Nähe von unserem menschlichen Leben mit der Natur und den Bäumen deutlich vor Augen gestellt.)

So ist Holz für mich mehr als nur „Material“, es ist Partner, Gegenüber, Spiegel und Geheimnis. Es ist immer die Möglichkeit, ein klein wenig mehr von mir zu erfahren.

Der Vorteil des Bildhauens: ich kann wegnehmen. Durch das Wegnehmen kann ich freilegen und manchmal dadurch auch verdeutlichen und verstärken. Wenn ich dabei achtsam bin, entsteht aus dem Holz, meinen inneren Bildern und meinen handwerklichen Möglichkeiten etwas Neues, das, und das ist vielleicht das größte Ziel, anrührt und spricht.

Und da trifft sich vielleicht der kirchliche Raum wieder mit der Kunst: im Anspruch zu berühren.

In meiner Arbeit ist mir der „Freiraum“ besonders wichtig, manchmal ist mir der Zwischenraum fast wichtiger als die eigentliche Form, oder die Spannung von freigegebener Form und Holz oder die Beziehung verschiedener Elemente im Raum.

Daher ist mein Thema für die Ausstellung auch: frei geben, Raum geben, Durchblick gewähren, Leere wagen;

Und das ist meine Hoffnung für alle Kapellen dieser Ausstellung: dass sie mit neuen Augen erlebt werden, dass ein neuer Blick auch ein klein wenig einen neuen Raum eröffnet – in uns und in unserem in dieser Welt sein. Kirchen und Kunst können Anker sein in einer Zeit, die im Wanken ist – vielleicht, vielleicht ein ganz kleines bisschen …