Annettes Vermächtnis

Foto, Schriftzüge auf dem RuhrtalRadweg

Auf dem RuhrtalRadweg zwischen Bestwig und Arnsberg begegnen dem Radler Schriftzüge, fragmentarische Sätze ohne Anfang und Ende. Weiße Schreibschrift auf Asphalt oder Beton, aufgetragen wie Verkehrshinweise auf Straßen. Die Buchstaben sind groß genug, um sie mühelos zu lesen, doch dehnen sich die Worte und unvollendeten Sätze meterweit in die Länge, als Ganzes kaum wahrnehmbar. Unerwartet liest sich die auf den Weg gemalte Schrift beiläufig Stück für Stück, man schnappt einzelne Worte oder Satzfragmente auf:

Zitate aus dem Werk der Annette von Droste-Hülshoff auf dem RuhrtalRadweg.

Die bedeutende deutsche Schriftstellerin bereiste als 27-jährige, junge Frau mit der Kutsche das obere Ruhrtal zwischen Ruhrquelle und Arnsberg und hinterließ ihre Eindrücke der Landschaft und vom Westfälischen in Prosatexten. 2009 bringen die Künstler Klinke, Köster und Mause „Annettes Vermächtnis“ an seinen Entstehungsort zurück. Sie würdigen damit die beeindruckende und selbstbewusste Dichterin und machen Ausschnitte aus deren kaum bekannter Reisebeschreibung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Die Künstler wählten vier unterschiedlich lange Passagen aus dem historischen Material aus.

"...das Gebirge hat seinen Zackenkranz abelegt und
sich unter die grüne flatternde Decke gestreckt..."

Annette von Droste-Hülshoff beschrieb die Ruhrlandschaft und ihre Ortschaften 1824 während eines Aufenthaltes auf Schloss Gevelinghausen. Ein Jahr bevor sie ihre erste größere Reise an den Rhein nach Köln, Bonn und Koblenz unternahm, hielt sich die Dichterin als Gast auf dem Stammsitz ihrer Schwägerin in Olsberg auf und verarbeitete ihre Erlebnisse. Die Autorin berühmter Balladen wie Der Knabe im Moor hat mit diesem Bericht einem unbedeutenden Landstrich ein literarisches Denkmal gesetzt.

"...es ist der höchste Trumph des eigentlich Mittelmäßigen...,
...die Lorbeerkrone des im Grunde Unbedeutenden"

Wie lesen sich jene in vorindustrieller Zeit geschriebenen Zeilen heute, wo Chausseen zu Autobahnen und Bundesstraßen ausgebaut sind und neue Technologien dem Menschen vielfältiges und rasantes Wachstum erlauben? Ändert sich unser innerer Dialog, wenn wir Ursprung und Alter der Worte erfahren?

Die Schriftbilder sind ein stilles Denkmal für Annette von Droste-Hülshoff und ihre flüchtige, aber prominente Präsenz in dieser Region. Worte, die im Archiv schlummern, kommen ans Tageslicht. Befreit vom historischen Gewand entfalten sie in der Natur ihre eigene Bildkraft und wirken auf ihren Ursprungsort zurück. Vereint mit der Landschaft werden die Gedanken der Dichterin auf dem Boden lebendig und veranschaulichen eine literarische Spur an der Ruhr.

"...alles wie anderwärts - staubende Chausseen mit Frachtwagen und Einspännern bedeckt..."